Krise oder Aufbruch?

Posted on Mrz 25, 2020 in Allgemein

Sozioökonomische Gedanken zum Umgang mit den Folgen von Corona.

Die letzte große Krise, 2008 ff., als die Wirtschaft über faule Finanz“produkte“ und subprime Kredite gestolpert ist und sich dieser Umstand in der Euro-Krise in Europa niederschlug ist noch nicht ganz verdaut. Noch immer haben wir ungesund niedrige Zinsen, die der EZB geldpolitisch Handlungsfähigkeit nehmen.
Deswegen ist der Schritt der EU Kommissionspräsidentin von der Leyen, den Fiskalpakt aufzuweichen, nur logisch korrekt und auch der Nachtragshaushalt der Bundesregierung mit dem diese gegen die eigene Schuldenbremse und ihr Mantra der schwarzen Null verstößt allein vernünftig.
Allerdings nur, wenn die Milliarden, die nun ins „System“ geblasen werden so investiert werden, dass sie Lehren aus der gegenwärtigen Krise ziehen.
Denn bei aller Eile, die geboten ist, um insbesondere den schwächsten Wirtschaftssubjekten auf dem Markt (Soloselbständige, Freiberufler*innen, Gastronomie, Einzelhändler*innen und Kleinunternehmen und deren Angestellte) ein Überleben in der Krise zu ermöglichen, so sollten wir diese außergewöhnliche Situation dazu nutzen, um auch grundsätzliche Fragen zu stellen und die gesellschafts- und wirtschaftspolitisch richtigen Antworten darauf zu geben. Nie war die Chance größer, die Welt substantiell zu verbessern.
Die schnelle und allumfassende Ausbreitung des Virus zeigt die Verletzlichkeit einer globalisierten Welt.Ich möchte in zwei Abschnitten die Folgen von Corona – auf unsere Wirtschaft und auf unsere Gesellschaft – thematisieren, um zu ein paar Antworten zu kommen, wie wir alle gestärkt aus dieser Situation hervorgehen können.

Das Münchener Ifo Institut hat berechnet, dass die Wirtschaftskrise infolge der Corona Pandemie Deutschland ein Minus zwischen 7,2 Prozentpunkten (für einen Monat ökonomischen Stillstand) und 20,6 Prozentpunkten (für drei Monate ökonomischen Stillstand) der deutschen Wirtschaftskraft bringen könnte[i]. Zum Vergleich: Die Krise 2008 ff. sorgte 2009 für ein Minus von 5,1 Prozentpunkte und war die schwerste Krise seit dem 2. Weltkrieg.

Aktuell kommt es zu einer noch nie dagewesenen Kombination aus Angebots-Schock (wg. Ausbleibender Rohstoff- bzw. Vorprodukt-Lieferungen und massiven Einschränkungen beim Faktor Arbeit) und dem eben aus diesen Faktoren sowie den Bewegungseinschränkungen zum Schutz vor Ansteckung entstehenden Nachfrage-Schock. Klassische expansive Fiskalpolitik, die die Nachfrage-Seite stärken soll – entweder durch eigene Impulse in den Ausbau der Daseinsvorsorge (wie dem längst überfälligen Ausbau der erneuerbare Energie-Infrastruktur, des ÖPNV oder der Bildung) oder indirekt über Konjunkturprogramme, die den Konsum der Verbraucher*innen erhöhen – kann erst dann erfolgreich sein, wenn wieder annähernd ein „Normalzustand“ in der Gesellschaft erreicht wird. Wenn Menschen wieder rausgehen und regulär konsumieren und arbeiten gehen können.
Zugleich zeigt sich im bestehenden Angebotsschock die Kehrseite der globalisierten Spezialisierung unserer Produktion. In diesem Fall insbesondere die Verlagerung der industriellen (Vor-)Produktion in die Niedriglohnländer, die jetzt teils am stärksten von der Corona Pandemie betroffen sind. Kürzere, regionalere Lieferketten wären zwar möglicherweise teurer, erzeugen aber mehr Resilienz gegen globale Krisen und sparen CO2 ein.

A Propos CO2 Einsparung: Derzeit laufen überall auf der Welt Förderbänder und Produktion auf Sparflamme oder sie stehen schon still. Die Logistik läuft nur noch eingeschränkt und so lange, bis die Lagerbestände leer sind. Die Tourismusbranche ist komplett eingebrochen, keine Kreuzfahrtschiffe und keine Ferienflieger verlassen mehr die (Flug-)Häfen. Selbst der innerdeutsche Reiseverkehr per Auto oder Bahn ist massiv eingeschränkt. Weltweit ist in den letzten Wochen durch die Krise weniger CO2 ausgestoßen worden, als alle Einsparungsbemühungender letzten Jahre zusammen ausmachen[ii]. Für Deutschland bedeutet dies sogar, dass laut Agora Energiewende überraschend doch noch das Einsparungsziel für 2020 eingehalten werden könnte[iii]. Natürlich sind diese CO2-Einsparungen ökonomisch und sozial viel zu teuer erkauft und damit nicht als „Erfolg“ zu verbuchen. Aber sie sind jetzt nun einmal da und wir könnten sie auch als Ausgangspunkt für einen wirtschaftspolitischen Strategiewechsel nutzen.

Das heißt also, dass wir in dieser Situation kurzfristig und als allererstes den oben beschriebenen Schwächsten Gliedern der Wirtschaft über die Zeit helfen müssen, damit sie überleben. Mittel- und langfristig müssen dann Konjunkturprogramme folgen, die aber nicht allein die Wiederherstellung des vor-Krisen Status Quo zum Ziel haben dürfen, sondern die helfen müssen, unsere Wirtschaft resilienter und nachhaltiger zu machen.

Zum Beispiel über kürzere, das heißt regionalere und transparente Lieferketten und CO2-Minderungsmaßnahmen in den Betrieben. Oder über ein Konjunkturprogramm wie dem American Recovery Program von 2009, mit dem in den USA fast eine Million Jobs in der Windkraft- und Solarbranche geschaffen wurden. Wichtig hier: die Abschaffung des PV-Deckels, der vermutlich schon sehr bald erreicht ist und das Elend um die Abstandsregelungen beim Windkraft-Ausbau schnell beenden.

Ähnlich wichtig: Die Unterstützung der Stahlbranche bei der Umsetzung der wasserstoffgetriebenen Stahlerzeugung – wie bereits von uns gefordert. Die Einleitung der Verkehrswende mit Ausbau des ÖPNV, (Forschungs-)förderung der CO2neutralen Logistik und des Fernverkehrs und die Förderung der energetischen Sanierung in öffentlichen und privaten Gebäuden.

Das FÖS und das Wuppertal Institut haben viele sinnvolle Vorschläge dazu gemacht, wie eine zukunftsgerichtete und nachhaltige Wirtschaftsförderung aus der aktuellen Wirtschaftskrise herausführen könnten.[iv],[v]

Was macht die Krise mit unserer Gesellschaft? Welche Risiken, aber auch welche Chancen liegen darin?
Grundsätzlich sind zwei Strategien zu beobachten:

Die einen reagieren mit Angst und Sorge. Sie fürchten sich vor Ansteckung, machen Hamsterkäufe und ziehen sich zurück. Andere wiederum lassen sich nicht aus der Ruhe bringen, vertrauen darauf, dass sie da schon irgendwie durchkommen und feiern Corona-Parties (zumindest bis letzte Woche). Aus der Psychologie ist bekannt, dass Optimist*innen zwar vermeintlich besser durchs Leben gehen, Pessimist*innen jedoch realistischere Einschätzungen haben bezüglich der Situation, in der sie sich befinden. Nur, um das klar zu sagen: Beide Strategien sind menschlich und damit völlig ok. Im Moment brauchen wir in jede*r/m von uns von beidem etwas.

Entscheidend ist dabei jedoch die Gewichtung der optimistischen und pessimistischen Anteile. Denn sie entscheidet über den individuellen Umgang mit der Krise und dieser strahlt in die Gesellschaft aus. Fühlen wir uns ausgeliefert? Ist jetzt eh alles egal? Dann entstehen aus Angst leicht Ignoranz, Aggression und Gewalt. Das ist selbstbezogenes Handeln, das den gesellschaftlichen Zusammenhalt unterminiert.

Schaffen wir es hingegen, unseren Blick auch nach außen zu lenken, die aktuellen Herausforderungen zu akzeptieren, uns Hilfe zu holen, wenn wir sie benötigen, aber auch Hilfe zu geben, wenn wir sehen, jemand benötigt sie – dann kann das eine ganz neue gesellschaftliche Dynamik entwickeln.[vi]

Was ich gerade bemerke und was mich optimistisch stimmt, ist ein engeres Zusammenrücken in der Gesellschaft. Eine Aufmerksamkeit für unsere Nachbarn, Freund*innen und Eltern – auch für die ängstlicheren/sorgenvolleren unter uns. Und eine enorme Hilfsbereitschaft: Einzelhändler*innen, kleinen Unternehmen aus der Nachbarschaft gegenüber, aber auch den Eltern gegenüber, die mit ihren Kindern in beengten Verhältnissen leben müssen, und denen oft nach kurzer Zeit schon sprichwörtlich die Decke auf den Kopf fällt.

Unabhängig davon erfahren viele Menschen gerade wieder, wie selbstverständlich für uns ständiger Nachschub von Konsumartikeln geworden ist und wir lernen – was davon wirklich wichtig ist. Wenn Angst und Sorgen kleiner werden kann das helfen, dass wir unsere Prioritäten einmal mehr überdenken und anpassen. Was von all dem, was uns umgibt, ist entscheidend? Was brauchen wir, um glücklich und zufrieden zu sein? Richard Easterlin hat 1974 einen spannenden Aufsatz dazu geschrieben. Er stellte fest, dass sich in den zwanzig Jahren vor Veröffentlichung das BIP, und damit auch die Einkommen der Menschen in Großbritannien verdoppelt haben. Die Zufriedenheit blieb über die Zeit jedoch auf einem hohen Level unverändert. Eine Korrelation zwischen Einkommenszuwachs und Zufriedenheit konnte nur bis zu einem gewissen Schwellenwert festgestellt werden. Darüber hatte der Einkommenzuwachs keinen positiven Effekt auf die Lebenszufriedenheit.[vii] Die Studie ist vielfach überprüft und auch in anderen Ländern bestätigt worden.

John Maynard Keynes hat 1930 den Aufsatz „Economic Possibilities for our Grandchildren“[viii] verfasst, in dem er voraussah, dass der Produktivitätsanstieg in der Wirtschaft dafür sorge, dass 100 Jahre später (also 2030) die Wochenarbeitszeit auf 15 Stunden sinken könne und dennoch alle Grundbedürfnisse gedeckt seien. Es gibt unterschiedliche Theorien darüber, warum seine Vision zwar bis in die 1970er Jahre möglich schien (bis dahin sank die Wochenarbeitszeit tatsächlich), jedoch schlussendlich nicht eintrat. Die, die mir am logischsten erscheint ist die der aufwärtsgerichteten Vergleiche aus der evolutorischen Ökonomik. Seit der neoliberalen Wende der 1980er Jahre nahm die Individualisierung zu (Margret Thatcher sagte einst: „There is no such thing as ‚society‘. We are all individuals“) und damit die zutiefst menschliche Eigenschaft, sich mit seiner Umgebung zu vergleichen und einen individuell „guten“ Platz/Status einzunehmen. Angefeuert durch die sich seit den 1980er Jahren wieder verstärkende soziale Ungleichheit nahm der Konsum massiv zu und damit die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, um sich den Konsum leisten zu können, mit dem die soziale Position gefestigt werden sollte.

Corona macht all das jedoch zunichte, denn der Virus nimmt kaum Rücksicht auf Vermögens- und Gehaltsunterschiede. Darin liegt auch die Chance auf eine Rückbesinnung.

So, wie jetzt gerade die Menschen über alle (sozialen) Grenzen hinweg gesellschaftlich und wirtschaftlich zusammenhalten, so konstruktiv, wie die Politik versucht, fraktionsübergreifend schnelle und kluge Lösungen zu finden, so können wir darauf aufbauen und ökonomische, soziale und klimatische Fehlentwicklungen zu korrigieren und dabei auf Kooperation statt auf Konkurrenz zu setzen.

Der 93jährige italienische Soziologe Franco Ferrarotti sieht für sein Heimatland nach dem Überwinden der aktuellen Krise eine Explosion von Lebensfreude, Motivation und der Lust, das Leben wieder in die Hand zu nehmen.[ix] Für uns hier in Deutschland könnte das ebenso gelten und ein guter Ansporn sein, die Probleme anzupacken, die schon viel zu lange links liegen gelassen wurden.

Ich jedenfalls bin jetzt schon motiviert dazu!


[i] https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.auswirkungen-des-coronavirus-auf-die-wirtschaft-so-viel-koennte-die-corona-krise-in-deutschland-kosten.a5c89ce7-86fd-4419-b43b-071e87905480.html; abgerufen am 23.03.20
[ii] https://medium.com/@sascha.g.berger/acht-aktuelle-lektionen-von-otto-scharmer-vom-coronavirus-zur-klimaaktion-6588e131a519; abgerufen am 23.03.20
[iii] https://www.agora-energiewende.de/fileadmin2/Projekte/2020/_ohne_Projekt/2020-03_Corona_Krise/178_A-EW_Corona-Drop_WEB.pdf; abgerufen am 23.03.20
[iv] https://foes.de/publikationen/2020/2020-03-FOES-Wirtschaftshilfen-Corona-Krise.pdf
[v] https://wupperinst.org/fa/redaktion/downloads/publications/Corona-Krise_Klimaschutz.pdf
[vi] https://medium.com/@sascha.g.berger/acht-aktuelle-lektionen-von-otto-scharmer-vom-coronavirus-zur-klimaaktion-6588e131a519; abgerufen am 24.03.20
[vii] https://doi.org/10.1016/B978-0-12-205050-3.50008-7
[viii] https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-1-349-59072-8_25
[ix] https://www.tagesschau.de/ausland/italien-coronavirus-125.html